Aufgewachsen in einem kleinen Zweiraumhaus im Osten von Amman in Jordanien, war meine Kindheit geprägt von Geschichten über Widerstandsfähigkeit und Vertreibung. Als jüngstes von fünf Kindern palästinensischer Eltern war ich umgeben vom Widerhall einer Vergangenheit, die meine Familie mit sich trug – von Geschichten, die meine Identität formten und letztlich auch meine Musik. Der kleine Garten an unserem Haus mit seinem ausladenden Beerenbaum, an dem meine Schwester oft saß, um zu lesen, ist ein Symbol dieser prägenden Jahre. Doch die Geschichte meiner Familie kennt sowohl Kummer als auch Hoffnung.
Text: Nemat Battah; Übers.: Stefan Backes
Redaktioneller Hinweis: Der folker hat zwei Künstlerinnen mit jüdischem beziehungsweise palästinensischem Hintergrund gebeten, ihre jeweiligen Erfahrungen in Bezug auf die vergangenen und aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten zu schildern. Und wir wollten wissen, welche Rolle aus ihrer Sicht der Kultur zukommen kann, um die Vergangenheit zu bewältigen und gemeinsam einen gerechten Frieden zu erreichen. Zum Beitrag von Isabel Frey geht es hier.
Mein Vater wurde in En Kerem geboren, einem zu Jerusalem gehörenden Bergdorf. Er war fünfeinhalb, als 1948 die „Nakba“* begann. Sein Leben änderte sich für immer, als die Dorfältesten nach dem von zionistischen Paramilitärs begangenen Massaker von Deir Yassin Frauen und Kinder zur vorübergehenden Evakuierung drängten – sie kehrten nie wieder nach Hause zurück. Die Geschichte meiner Mutter handelt von ähnlichem Verlust. Geboren in Deir al-Balah in Gaza, kam ihre Familie ursprünglich aus dem Dorf Al-Sawafir al-Sharqiyya, das etwa zur selben Zeit zerstört wurde. Diese Geschichten von gewaltsamer Vertreibung, Enteignung und Exil prägten ihre Leben – und ebenso unsere, die ihrer Kinder.
Jahrzehnte später hatten meine Geschwister und ich mit den Nachwirkungen dieses unbewältigten transgenerationalen Traumas zu kämpfen. Für mich wurde Musik zu einer Zuflucht. Seit ich acht war, fand ich Trost im Singen – im Schulchor, in privaten Musikzentren oder wo immer ich konnte. Ohne es zu wissen, nutzte ich Musik als sicheren Hafen, als Möglichkeit, die Last meiner Familiengeschichte zu verarbeiten und zu überwinden. Jahrelange Therapien brachten mich zu der Erkenntnis, dass ich mein eigenes Trauma mithilfe von Komponieren und Musikmachen bewältigen wollte, ein Weg, der 2021 in meinem Masterprojekt Something Like Home gipfelte. Diese sehr persönliche Arbeit untersuchte Liebe, Mitgefühl und gemeinsame Erinnerungen innerhalb meiner Familie. Auf Basis von Kindheitserinnerungen meiner Eltern sowie gemeinsamer Erfahrungen komponierte ich davon inspirierte Musik.
Meine musikalische Reise begann also mit acht Jahren und entwickelte sich zu einer tiefen, in meinem kulturellen Erbe wurzelnden Leidenschaft, traditionelle arabische Musik zu spielen. Diese Verbindung inspirierte meine Kompositionen für Something Like Home, die sehr stark auf dem arabischen Maqam-Tonsystem und dessen komplexen rhythmischen Mustern basieren. Diese reichhaltigen melodischen Phrasen und Muster rufen ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit hervor, das mir wie ein Zuhause vorkommt, und dienen gleichzeitig als Grundlage für die Zusammenarbeit mit den talentierten Musikschaffenden bildeten, die sich mir anschlossen.
„Ich fand meine Stimme – als Musikerin, Geschichtenerzählerin, Tochter und Schwester.“
Gleichzeitig hat sich im Laufe der Jahre meines Musikstudiums und meiner Reisen in Europa mein musikalisches Spektrum erweitert, und inzwischen arrangiere und komponiere ich für unterschiedliche Ensembles globaler. Indem ich arabische Musik mit anderen Traditionen vereine, versuche ich, eine transkulturelle Musik zu erschaffen, die eine Brücke zwischen verschiedenen Erfahrungen und Klängen schlägt.
Jede Komposition von Something Like Home spiegelt eine Geschichte wider, von denen ich ein paar hier erzählen möchte.
„Impressions Of Deir al-Balah“ reflektiert ein Gespräch mit meiner Mutter über Vertreibung und ihre Hoffnung, wieder an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren. Sie sprach von der Mittelmeerküste Gazas und von Erinnerungen, die in ihrem Herzen lebendig geblieben sind. Als Erwachsene spricht sie mit dem Meer und sagt diese Zeilen:
Segle weiter, Boot der Reisen,
Die Seele ist des Wanderns müde –
Lass mich an den windigen Ufern zurück,
Damit ihr Atem mich forttragen kann,
Lass mich zurück an der Türschwelle unseres Hauses,
Pflanz mich in seine Erde
Dieses Lied fand neu arrangiert seinen Weg auf das bei Nordic Notes erschienene Debütalbum Al-Bahr meines Trios Wishamalii.
„A Prayer To Randa“ ehrt das Gedenken an das Kindermädchen meiner Schwester, das ihr während des libanesischen Bürgerkrieges das Leben rettete und später selbst tragischerweise im Massaker von Sabra und Schatila umkam. Das Lied erzählt, wie meine Schwester immer wieder von Randa träumt, und erinnert auf bewegende Weise an die tiefe Verbundenheit der beiden und den Schmerz des Verlustes, als sie erfuhr, dass Randa nur wenige Wochen nach ihrer Flucht aus dem Libanon ums Leben gekommen war. Der Text des Liedes wurde von Raad Al Zaben auf Arabisch verfasst.
Sie kam in der Nacht, um das Spielzeug zurückzugeben.
Sie sagte mir, dass sie es für mich in ihrer Brusttasche aufbewahrt hat.
Sie saß am Fenster und lächelte mir zu: Wie groß ist dieses Fenster – du bist erwachsen geworden –
Gestern waren wir Kinder und heute Nacht sind wir zurückgekehrt.
Heute Nacht wird unser Lachen uns die lange Reise vergessen lassen.
Randa kam und brachte die Vergangenheit mit –
Das Tor zum Haus, die Orte, an denen sie sich um mich kümmerte,
Das Olivenöl und den Thymian.
„Woher kommst du?“, fragte ich.
„Von einem hohen Ort, von oben“, antwortete sie.
„Wo es einen großen Garten voller Kinder gibt,
Wo wir aufbleiben und die ganzen Nächte durchspielen können.“
Die Kinder riefen nach ihr, und Randa überließ mich meiner Reise,
Ließ das Spielzeug bei mir, ließ mich an meinem Fenster – dem so großen, wie sie sagte –,
Wo ich weiter auf sie warte
Auf Randa, dass sie zu mir zurückkommt.
„From Ain Karem To Amman“ erzählt von der Vertreibung, die mein Vater als Kind erlebte, und seinen schönen Erinnerungen an die landwirtschaftliche Arbeit mit seinem Großvater. Mein Vater hat diese Geschichte für uns niedergeschrieben, dass wir sie lesen konnten, und hat sie uns auch oft erzählt. Anschaulich beschreibt er die Reise der beiden, wobei er sich ausschließlich auf Dinge konzentriert, die sich auf dem Weg ereigneten, ohne auf seine eigenen Gefühle einzugehen. Sehr berührt hat mich ein Detail: sein Lieblingsspielzeug, ein Kreisel, den er im Haus, das sie verlassen mussten, zurückließ – ein kleines, aber herzergreifendes Symbol seines Verlusts.
Die Melodie wird eigentlich instrumental vorgetragen, aber bevor sie beginnt, rezitierte ich das folgende Gedicht, das ebenfalls von Raad Al Zaben auf Arabisch geschrieben wurde:
Emran, dies ist Ein Karem – die an Augen des Wassers reiche Erde –,
Und dies ist unser letztes Zuhause.
Die Erde ist das, was wir haben, und wir haben noch viel mehr von ihr.
Unsere Söhne – der eine, der weder Tod noch die letzte irdische Ruhe kennt,
Der andere, sein Bruder, der die Erde bestellt und den Hang beackert, um Seide zu pflanzen.
Beide sind kindlich in ihrer Liebe, doch da ist die schiere Größe eines Heimatlandes.
Eine Heimat, die durch Zweifel bestimmt ist – in ihr gibt es keinen freien Menschen und keinen Gefangenen …
Und du, mein Enkel, deine Jahre rasen vor dir her auf den Pfaden des Lebens,
Da ist kein Spielzeug im Haus deines Großvaters, das auf deine Rückkehr wartet,
Kein Tag, der zurückkehrt, wenn sein Licht dahin- und die Sonne untergeht –
Kinder des Krieges leben von Tag zu Tag, das Licht ihres Tages geht dahin.
Durchwandere die Jahre deines Lebens, und wenn sie dich zwingen wollen, stell dich ihnen entgegen:
Emran ist mein Name, und am Ende meines Lebens werde ich in ein zweites Leben zurückkehren,
Die Schatten der Schrapnelle in Ein Karem verfolgen mich noch immer auf meinem Weg …
Durch Something Like Home fand ich meine Stimme – nicht nur als Musikerin, sondern auch als Geschichtenerzählerin, als Tochter und Schwester. Musik ist für mich ein Instrument, mit dessen Hilfe ich verstehen, heilen und mich mit der gemeinsamen Geschichte meiner Familie verbinden kann. Es ist meine Art zu sagen: „Auch wenn wir unsere Heimat nicht mehr haben, haben wir doch einander. Und durch die Musik können wir so etwas wie Heimat schaffen.“ Musik hat mir durch die Wirren der Identitätsfindung geholfen, mir einen Weg der Heilung und eine Möglichkeit aufgezeigt, die Resilienz meiner Familie zu feiern. Jede Melodie, die ich schreibe, birgt in sich Anklänge unserer kollektiven Erfahrungen und verwebt miteinander Geschichten von Verlust, Liebe und Hoffnung.
* Arabisch für „Katastrophe“ im Gedenken an die Flucht und Vertreibung aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina in den Jahren 1948/1949.
Zur Autorin: Nemat Battah ist eine palästinensisch-jordanische Sängerin, Oudspielerin, Komponistin und Pädagogin. Sie lebt derzeit im finnischen Helsinki, wo sie als Dozentin und stellvertretende Leiterin am Global Music Department der Sibelius-Akademie tätig ist.
Weitere Links:
www.nordicnotes.bandcamp.com/album/wishamalii-al-bahr
www.researchcatalogue.net/profile/show-exposition?exposition=1178357
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